Global denken, lokal handeln
Wolfgang Hertle
On-line gesetzt am 12. April 2019

Fur die Dynamik politischer Bewegungen und insbesondere für den Erfolg gewaltfreien Widerstands ist es entscheidend, wie sich unterschiedliche Strömungen zueinander verhalten. Gelingt es z. B. in der Zusammenarbeit die Bodenständigkeit der unmittelbar betroffenen "normalen Bevölkerung" mit dem Schwung der meist eher jugendlicher Aktionsgruppen zu verbinden und ein gemeinsames Werte-Verständnis für aktiv gewaltfreies Verhalten zu entwickeln, ist viel gewonnen. Unterschiedlicher Herkünfte, Erfahrungen und inhaltliche Ansätze können Spannungen verursachen : z. B. Stadt - Land, alt - jung, konservativ - radikal, Ost-West, um nur einige Pole zu nennen. Oft entsteht soviel Reibung, dass nicht mehr genug Kraft für den gemeinsamen Kampf übrig bleibt. Oder umgekehrt viel inhaltliche Unklarheit aus dem Bemühen, diese Reibungen zu vermeiden. Die Beispiele im folgenden Text möchten zu mehr Selbst-Reflexion und Sensibilität gegenüber den "Anderen" im Widerstand anregen.

Bombodrom oder FREIe HEIDe - ein Brennpunkt der deutschen Friedensbewegung ?

Bei den Ostermärschen der Friedensbewegung hat die Demonstration in der Heide zwischen Wittstock und Neuruppin seit Jahren bundesweit die höchsten Teilnehmerzahlen. Die wirtschaftliche Zukunft der Anwohner hängt davon ab, ob der Region Ruhe und intakte Natur erhalten bleiben : Im Bereich Tourismus, Kliniken, Tagungshäuser und ökologische Landwirtschaft wurden in den letzten Jahren in dieser strukturschwachen Region mit hoher Arbeitslosigkeit die meisten Arbeitsplätze geschaffen. Die Abneigung vieler Betroffenen rührt primär aus solch existenziellen, weniger aus grundsätzlich antimilitaristischen Motiven. Viele erinnern sich an 40 Jahre Lärm und Erschütterung durch die Nutzung des Platzes durch die Rote Armee und genießen die Ruhe.

Die seit 1992 arbeitende Bürgerinitiative FREIE HEIDe stützt sich u. a. auf die protestantische Kirche, die zu DDR-Zeiten oppositionellen Kräften der Friedens-, Umwelt- und Freiheitsgruppen Artikulationsmöglichkeiten gegen die SED bot. SPD- Politiker wie der frühere Ministerpräsident Manfred Stolpe kamen aus der DDR-Kirchenführung. So liegt die Hoffnung vieler - Aktiver in der Region besonders auf den Führungspersönlichkeiten aus Kirche und Politik in den Neuen Bundesländern, die nicht durch illegale Aktionen oder Allianzen mit systemkritischen radikalen Gruppen verärgert werden sollen. Dieses Vertrauen wurde allerdings schon mehrfach durch Opportunismus von Politikern beschädigt, wenn z.B. SPD Kanzler-Kandidat Scharping seine Unterstützung für eine zivile Heide fallen ließ, sobald er Verteidigungsminister wurde.

Nach 15 Jahren Protest leidet der Verein Bürgerinitiative FREIe HEIDe unter Personalnot. Der derzeitige Sprecher ist Pastor, dessen Pfarrstelle wegen zurückgehender Kirchensteuereinnahmen eingespart wurde. Viele Bürger ermöglichen durch Spenden vorerst seine Weiterarbeit als Friedenspastor. Seit Jahren drängen gewaltfreie Antimilitaristen aus Berlin und junge Leute aus der Region die Bürgerinitiative, sich nicht auf die bewährten Formen bürgerlichen Protestes und gerichtlicher Schritte gegen die militärische Nutzung der Heidefläche als Bombenabwurfplatz zu beschränken, sondern sich auf Aktionen Zivilen Ungehorsams vorzubereiten. Die Gruppe Neuruppin-Berlin bemüht sich, das Thema Freie Heide zu einem Brennpunkt der gesamten Friedensbewegung zu machen. Dazu dienten die jährlich stattfindenden Antimilitaristischen Sommer - Aktionstage, die Konzertblockaden Copyright © anarchisme et non-violence 2 Page 2/10 Global denken, lokal handeln der Gruppe Lebenslaute oder die propagierte Kampagne "Bomben Nein- wir gehen rein !" : möglichst viele Menschen sollen sich bereit erklären, an Besetzungsaktionen teilzunehmen, falls die Armee das Gelände in Besitz nehmen sollte. Parallel dazu werden mindestens 200 Gruppen gesucht, die, sich abwechselnd, schon vorher das Sperrgebiet betreten sollen, um sich auf eine solche Aktion im Ernstfall vorzubereiten und dabei symbolisch Präsenz zu demonstrieren.

Selbst der Rechtsanwalt der Initiative erklärte mehrfach, dass der Weg über die Gerichte notwendig sei, aber nicht überschätzt werden dürfe. Die Entscheidung wird letztlich eine politische sein, daher müsse man möglichst starken außerparlamentarischen Druck erzeugen. Bisher ist die Bilanz juristischer Abwehr der Übernahme durch die Bundeswehr positiv, bereits 22 mal entschieden Gerichte in unteren Instanzen gegen die Bundeswehr, am 31. Juli 2007 erstmals in der Hauptsache. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die letztinstanzliche Entscheidung sich gegen die Bürger wenden wird - soll dann der Widerstand beendet werden ? Nicht zu übersehen ist die "Zurückhaltung" der Bürgerinitiative, wenn es um öffentliche demonstrative Überschreitung von Vorschriften geht. Die zahlreichen Wanderungen und Aktionen der Bürgerinitiative finden am Rande der 140 qkm großen Heidegebietes statt, das Betretungsverbot wurde überwiegend beachtet, auch weil auf Teilflächen Gefahr durch nicht explodierte Munition und Bomben besteht.

"Jedes Ziel ist ein Zuhause"

Inzwischen siedelte sich am Rande der Heide das Projekt "Sichelschmiede" an, das viel Erfahrung von gewaltfreien Blockaden und direkten Aktionen mitbringen. Dort entstand die Idee der rosa Pyramiden als Symbol der allgemeinen Betroffenheit durch die Kriegsmanöver für die Bereitschaft, auf das Gelände zu gehen, bzw. auch sonst an möglichst vielen Stellen auf die Gegnerschaft hinzuweisen.

Im Vorfeld des G8 Gipfels in Heiligendamm (ca. 100 km nördlich der FREIEn HEIDe) und der zu erwartenden vielfältigen Demonstrationen entstand die Idee, am 1. Juni 2007 vor der Auftaktdemonstration in Rostock einen antimilitaristischen Aktionstag zu organisieren. Zahlreiche Gruppen, Euro-Märsche oder Fahrrad-Demonstrationen würden zu einem Zwischenstopp in der Heide veranlasst werden können.

Doch an dieser Idee schieden sich bald die Geister : während die einen eine Chance darin sahen, Aktive aus anderen Regionen und politischen Aktionsfeldern für das Thema FREIe HEIDe zu interessieren und die Allianz für zukünftige Aktionen zu verbreitern, hatten Verantwortliche der Bürgerinitiative die Befürchtungen, unkontrollierte Kräfte von außerhalb könnten den bislang guten Ruf der FREIEn HEIDE in der Bevölkerung ernsthaft gefährden. In einem Offenen Brief wandte sich ein namhafter Teil der BI an die Organisatoren der symbolischen Besetzungsaktion und forderten, wegen ihrer schwerwiegenden Bedenken auf die Durchführung dieser Pläne zu verzichten. Statt einer Einigung kam es faktisch zum Abbruch der Beziehungen, während die BI die "rosa Pyramiden" - Aktionen mit öffentlichem Schweigen belegte, setzten die Aktivisten ihre Vorbereitungen fort. Kampagnen wie "x-tausend mal quer", "Gewaltfrei Atomwaffen abschaffen" und andere Gruppen aus dem gewaltfreien und antimilitaristischen Spektrum beteiligten sich, aber auch die regionale Evangelische Jugend und einige Jung-Unternehmer der Initiative "Pro HEIDE".

Die Vorbereitung der Aktion waren ausgezeichnet, die anreisenden Gruppen, darunter die "Clowns-Armee" fanden u. a. Zeltplätze und Trainings in gewaltfreier Aktion vor. Sorgfältig gepflegte Kontakte zu den Medien, aber auch Informationsgespräche mit Polizei und Bundeswehr reduzierten unnötige Fantasien, die zu negativen Reaktionen führen könnten : Die Öffentlichkeit sollte im Vorweg wissen, in welchem Geist die Veranstalter die Aktion durchführen wollten. Das Bild an den beiden Versammlungsorten am Rande der Heide war vor allem von der Farbe rosa bestimmt : rosa Luftballons und pyramidenförmige rosa Papierhüte schmückten hunderte Aktive diverser Basisgruppen und Friedensinitiativen, nicht wenige auch aus dem Ausland. die Fortsetzung lesen