TEil 2 Der Kampf der TolstojanerInnen um das Recht auf Kriegsdienstverweigerung
Lou Marin
On-line gesetzt am 3. Dezember 2017

von ANV2
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Russischer Anarchismus und die Revolution von 1917, Teil 2

Nachdem wir in der letzten GWR die direkten Ereignisse im Jahre 1917 und das Verhältnis der russischen AnarchistInnen zum Bolschewismus behandelt hatten, betrachten wir in dieser GWR in zwei Beiträgen zunächst den Kampf der TolstojanerInnen um das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und dann die Ereignisse um den Aufstand von Kronstadt 1921. (Red.)

Bis heute wird auch unter AnarchistInnen der große Einfluss unterbewertet, den die tolstojanische Bewegung zu Zeiten der russischen Revolution vor allem unter der bäuerlichen Bevölkerung und vielen Jugendlichen hatte.
Lenin sah in Tolstojs literarischem Werk das Spiegelbild der russischen Verhältnisse im Zarismus, kritisierte aber dessen Gewaltlosigkeit sowie die „tolstojanische Abschwörung der Politik“. (1)
Tolstoj interessiert hier weniger als weltweit erfolgreicher Schriftsteller, auch nicht in erster Linie als Reformpädagoge, sondern zusammen mit seinen NachfolgerInnen als Teil der russischen libertären Bewegung. Sie praktizierten das einfache, antiindustrielle Leben auf bäuerlichen Farmen und verurteilten revolutionäre Gewalt moralisch. Alten patriarchalen Traditionen standen sie jedoch weitgehend unkritisch gegenüber bzw. übernahmen sie zum großen Teil. Gleichwohl riefen sie zur Kriegsdienstverweigerung in allen Armeen auf. In dieser Hinsicht ist der tolstojanische Einfluss vor allem für die Zeit nach der Oktoberrevolution bisher noch nicht genügend untersucht. Valentin Bulgakows Artikel von 1928 über die tolstojanische antimilitaristische Bewegung in Russland war eines der frühesten deutschsprachigen Dokumente über eine von der Geschichtsschreibung unterdrückte Bewegung. Der Artikel von Karl Bartes von 1931 über die Duchoborzen in Russland und Kanada aus dem Jahre 1931 schloss daran an. (2)
Bulgakow und Bartes beschrieben Tolstojs Engagement für die Gemeinschaft der Duchoborzen, die dazu führte, dass diese vom Zarismus verfolgte altrussische Bauernsekte mit drei Schiffen zu insgesamt 7000 Menschen 1899 nach Kanada auswandern konnte, wo sie zumindest bis Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jh. als kommunistische Lebensgemeinschaften ohne Privateigentum weiterlebten und auch weiterhin den Militärdienst verweigerten.

Religiöse KDV legal von Januar 1919 bis Dezember 1920

Für den Ersten Weltkrieg wurden in Russland 837 offizielle Fälle von Kriegsdienstverweigerung (KDV) aus tolstojanisch-christlichen Kreisen bekannt. Dass die tolstojanische Form der KDV auch unter Bauern weit verbreitet war, lässt Bulgakows Hinweis auf die damals sogenannten „Grünen“, eine Jugendbewegung, ahnen. Sowohl während der bürgerlichen Regierung, welche den imperialistischen Krieg fortsetzte, als auch während der „Oktoberrevolution“ 1917 und danach, als die Rote Armee aufgebaut werden sollte, floh diese halbbäuerliche Jugend von den Städten in die Wälder, um sich weder in der einen noch der anderen Form des Militärs, also weder bei den „weißen“ noch den „roten“ Armeen und Milizen, beteiligen zu müssen.

Der Tolstojaner W.G. Tschertkow verhandelte vor dem Hintergrund zunehmender Verweigerungsfälle sowohl mit der bürgerlichen als auch mit der bolschewistischen Regierung über die Anerkennung der KDV aus Gewissensgründen. Am 4. Januar 1919 legalisierten die Bolschewiki die religiöse KDV, worauf in den folgenden zwei Jahren ca. 30000 schriftliche Anträge auf KDV innerhalb der Roten Armee gestellt wurden. Dies geschah mitten im Bürgerkrieg! Wenn berücksichtigt wird, dass die meisten Bauern nicht schreiben und also keine Anträge stellen konnten (ca. 80% Analphabeten), muss die Dunkelziffer sehr hoch angesetzt werden.

Doch auch während der Zeit der Legalisierung wurden Kriegsdienstverweigerer verfolgt und erschossen. Angesichts der immer weiter steigenden Verweigerungszahlen wurde die Legalisierung der KDV am 14. 12. 1920 von den Bolschewiki zurückgenommen. Zwar wurde den in Russland verbliebenen Duchoborzen noch 1921 die Befreiung vom Militärdienst zugesichert, gleichzeitig wurden sie jedoch als „Schädlinge“ diffamiert, ins Gefängnis gesteckt, mit besonderen Steuern belastet und ihre Hausindustrie zugrunde gerichtet.

Bauernsöhne auf die Felder statt in die Armee!

Bulgakow weist darauf hin, dass die Idee der Gewaltlosigkeit in den Dörfern konsequent gegen die roten und die weißen Armeen durchgeführt wurde, wie das konkrete Beispiel des Dorfes Rajewskoje, das als Gemeinde kollektiv den Militärdienst verweigerte, zeigt. Es ist nur zu vermuten, dass sich hierin auch die ökonomischen Gründe der Bauern für die KDV ausdrückten. Da sie nun endlich ihr Land erkämpft hatten, wollten sie dieses auch bebauen und ihre Söhne, potentielle Arbeitskräfte, nicht in den Krieg ziehen lassen.
Paul Avrich spricht von vier Strömungen des russischen Anarchismus: AnarchokommunistInnen, AnarchosyndikalistInnen, IndividualanarchistInnen und TolstojanerInnen. Die Letzteren hätten trotz weniger Verbindungen zum militanten Anarchismus großen moralischen Einfluss auf die Bewegung ausgeübt. Schon um die Jahrhundertwende habe sich die tolstojanische Ideologie beträchtlich verbreitet. (3) Vor allem nach dem Kronstadter Aufstand 1921, bei dem die Dienstverweigerung innerhalb der Roten Armee eine große Rolle spielte (siehe Kronstadt-Artikel), wurden TolstojanerInnen verfolgt und wegen KDV erschossen. (4) Volin nennt bis Ende 1922 nach offiziellen Angaben 92 erschossene tolstojanische Anarchisten und vermutet viele weitere Tolstojaner in den Gefängnissen. (5)

pc

Der Artikel ist eine leicht überarbeitete Fassung aus Graswurzelrevolution Nr. 120, Oktober 1987, S. 21.

Anmerkungen:
(1): Vgl. W.I. Lenin: Lev Tolstoj als Spiegel der russischen Revolution, in: Urban, Peter (Hg.): Tolstoj. Rede gegen den Krieg. Politische Flugschriften, Frankfurt/M. 1983, S. 182-188; sowie Woodcock, George: Leo Tolstoi – ein gewaltfreier Anarchist, in: GWR Nr. 17, 1975, Beilage Sonderblatt: Anarchismus-Information 2.
(2): Bulgakow, Valentin: Leo Tolstoj und die Schicksale des russischen Antimilitarismus, in: Kobler, Franz (Hg.): Gewalt und Gewaltlosigkeit, Zürich/Leipzig 1928, S. 233-244; Bartes, Karl: Die Duchoborzen in Rußland und Kanada (1931), wiederabgedruckt in: Tolstoi, Leo; Wichmann, Clara; Reclus, Elisée, Schwantje, Magnus u.a.: Das Schlachten beenden!, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2010, S. 67-75.
(3): Avrich, Paul: The Russian Anarchists, Princeton 1967, S. 35f. und S. 172.
(4): George Woodcock: Anarchy. A History of Libertarian Ideas and Movements, Harmondsworth 1963, S. 394.
(5): Volin: Die unbekannte Revolution, Hamburg 1983, Bd. II, S. 15; inzwischen neu aufgelegt in einem Band, Die Buchmacherei, Berlin 2013 und 2015.


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